Suche | Navigation

Joachim du Bellay

Joachim du Bellay (* um 1522 in Liré nahe Angers; † 1. Januar 1560 in Paris) war ein französischer Schriftsteller. Er gilt neben Pierre de Ronsard als der bedeutendste französische Lyriker der Mitte des 16. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis


Leben

Joachim Du Bellay entstammt der ärmeren Linie einer alten angevinischen Adelsfamilie. Früh verwaist, wuchs er unter der Vormundschaft seines älteren Bruders René auf, der die Bildung des jungen Du Bellays etwas vernachlässigte. Das 1545 in Poitiers begonnene Jurastudium brach er ab, um Ronsard und Baïf auf das Pariser College de Coqueret zu folgen, wo er zwischen 1547 und 1549 eine humanistische Ausbildung unter der Leitung von Dorat erhielt. An dieser Schule gründete er anfang der 1550er Jahre mit fünf anderen Dichtern den Dichterkreis der Pléiade (frz. „Siebengestirn“).

Anfang 1549 publizierte er die im 19./20. Jahrhundert von patriotischen Literarhistorikern zum Schlüsseltext deklarierte Deffence et Illustration de la Langue Francoyse (frz. „Verteidigung und Verherrlichung der französischen Sprache“), ein Manifest der Theorien und der Praxis der Pléiade-Autoren. Gleichzeitig mit der Déffence veröffentlichte Du Bellay L'Olive et quelques autres œuvres poétiques (frz. „Olive und einige andere Dichtungen“), eine Sammlung von 50 petrarkistischen Sonetten, die er Margarete von Angoulême widmete. Seinen humanistischen Interessen folgend, betätigte er sich auch als Übersetzer aus dem Lateinischen und ließ 1552 eine Teilübertragung von Vergils Äneis und andere, kürzere Übertragungen drucken. Anfang 1553 publizierte er eine weitere Gedichtsammlung, unter dem schlichten Titel Recueil de poésie („Gedichtsammlung“). Nach dem Tod seines Bruders René trat er 1553 in die Dienste seines Verwandten, des Kardinal Jean du Bellay. Wohl in der Hoffnung auf eine diplomatische Karriere, folgte er Jean du Bellay nach Rom und verbrachte dort vier Jahre als sein Majordomus. Obwohl ihm die Stadt neue Horizonte eröffnete und er dort einen Freund in dem Literaten Olivier de Magny gewann, hatte er offenbar wenig Freude an seiner Situation.

1557 kehrte er zurück nach Paris, wo er Anschluss an die alten und an neue Literatenkollegen fand und sich mit Gedichten zu verschiedenen offiziellen und anderen Anlässen auch am Königshof zu etablieren versuchte. Anfang 1558 veröffentlichte er eines seiner bedeutendsten Werke, Les regrets (frz. „sehnsuchtssvolle Klagen“), eine Sammlung von 191 größtenteils in Rom verfassten Sonetten von vielfältiger Thematik, aber mit einem gemeinsamen Unterton von Heimweh, Frustration und Desillusion. Zugleich publizierte er den Sammelband Divers jeu rustiques (frz. „Etliche ländliche Spiele“), dessen Versnovellen und erzählende Gedichte verschiedener Machart einen witzigen, manchmal sogar heiteren Du Bellay präsentieren. Den melancholischen wiederum zeigt Le premier livre des antiquités de Rome (frz. „Das erste Buch der römischen Altertümer“), eine Ende 1558 gedruckte Sammlung von 32 Sonetten, deren Hauptthema die römischen Antikenn der Stadt und ihrer Umgebung sind bzw. das Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, das sie in Du Bellay auslösten. Von seiner Ernennung zum Großvikar Jean Du Bellays im Jahre 1558 konnte er nicht mehr profitieren, denn er starb mit 37 Jahren am Neujahrstag 1560.

1568/69 erschien die erste Gesamtausgabe seiner Werke, die in der Folgezeit mehrfach nachgedruckt wurde.

Du Bellays Rolle in der Pléiade

Beginn

Ende der 1540er/ Anfang der 1550er Jahre bildet sich am Pariser College de Coqueret eine Gruppe von Dichtern, die im Laufe der Zeit die französische Dichtung mit dem Vorbild antiker Formen reformieren wollen; die Pléiade. Mit Du Bellays Eintritt in das College Coqueret im Jahre 1547 ist die Kerngruppe der Pléiade komplett: Außer Du Bellay studieren dort Pierre Ronsard und Jean-Antoine de Baif unter der Leitung von Jean Dorat. Als Du Bellay 1547 in das College de Coqueret eintritt, haben sich Ronsard und Baif schon mit griechischen Texten (Platons Gastmahl) beschäftigt. Du Bellays Kenntnisse des Griechischen ist bei seinem Eintritt in das College eher bescheiden, was sich in einem merklich geringerem Einfluss Griechenlands auf sein Schaffen äußert.

Deffence

In Du Bellays 1549 erschienener Kampfschrift Deffence et illustration de la langue francoyse stellt er die Französische Sprache hierarchisch auf die selbe Stufe wie das Latein, jedoch unter der Bedingung, dass die Dichter die Französische Sprache durch die Anlehnung an die Antike bereichern. Du Bellay spricht sich gegen die mittelalterlichen Gattungen aus, und gibt antiken Gattungen wie beispielsweise Ode und Hymnus den Vorzug. Mit dieser Forderung nach klassischen antiken Gattungen vertritt Du Bellay eins der wichtigsten Ziele der Pléiade und macht sich somit zu ihrem „Fürsprecher“.

Frühe Liebesdichtung in Sonettform und thematische Erweiterung des Sonetts

In der Tradition des Petrarkismus legen die Pléiade-Dichter eines ihrer Hauptaugenmerke auf Liebesdichtung in Sonett-Form. Du Bellay ist der erste der Pléiade-Dichter, der eine Sonett-Sammlung vorlegt: L’Olive (1550]. Thema der Sonette ist die Liebe zu Olive, die für Du Bellay zur Inspiration wird.

Du Bellays Antiquitéz de Rome (1558) bringen formell eine der wichtigsten Neuerungen der Renaissance mit sich; dieser Sonett-Zyklus verlässt das thematische Spektrum der Liebe, um sich weltlichen Themen wie z.B. der Beziehung zwischen Fürst und Dichter zuzuwenden. Damit wird das Sonett zu einer Gedichtform, in der jedes beliebige Thema behandelt werden kann, und Du Bellay wird hier „Meister des Sonetts und seiner innovativen Veränderung“. Formell betrachtet ist Du Bellays Werk jedoch einseitiger als das anderer Pléiade-Kollegen und andere Autoren der französischen Renaissance.

Beginn vom Ende der Pléiade

Faktisch besteht kein offizielles Enddatum für die Pléiade, die nie eine „offizielle“ Dichtervereinigung gewesen ist, und andererseits schrieben anderen Pléiade-Mitglieder bis zu ihrem Tod weiter in ihrem Sinne. Du Bellay jedoch ist der erste Dichter aus der Kerngruppe des Siebengestirns, der stirbt, und mit seinem Todesdatum 1560 wird das Ende der Pléiade-Ära eingeläutet.

Geistige und Literarische Strömungen des 16. Jahrhunderts

Neuplatonismus und Petrarkismus im Werke Du Bellays

Du Bellays Werk zeigt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Petrarkismus im Rahmen des neuplatonischen Gedankengutes. Anfangs vollzieht es noch einmal die Entwicklungsstufen des Petrarkismus, schließt aber gleichzeitig dessen Überwindung und Weiterentwicklung ein. Zusammengehalten wird es vom neuplatonischen Denken. Die allmähliche Wandlung von Idealität zu Wirklichkeitsnähe lässt sich an zwei Darstellungsformen festmachen. Die Erste ist die Gegenüberstellung zweier Individuen. Dies wird zunächst anhand der uneingeschränkten Verehrung und Liebe zu einer Frau in seinem Werk Olive dargestellt. Hier weist die Geliebte dem Liebenden den Weg zu Gott. Doch schon in seiner darauf folgenden Lyre chrétienne, in der das lyrische Ich Gott gegenübersteht, wird das Bedürfnis nach Konkretisierung und Realitätsnähe spürbar.

Die zweite Darstellungsform äußert sich in der Konfrontation des Individuums mit den Problemen seiner Umwelt und kommt so der Wirklichkeit um einiges näher. Diese Auseinandersetzung mit der Gegenwart in religiöser, politischer und kultureller Hinsicht wird in den Regrets behandelt. Hier ist die petrarkistische Grundlage noch sehr deutlich, allerdings mit dem Unterschied, dass nicht die Liebe zu einer Frau sondern das Lob des Heimatlandes zum Thema wird. Der Petrarkismus schlägt sich hier sogar formal nieder, indem er Frankreich mit petrakistischen Topoi beschreibt. Auf die Regrets folgen die Antiquitez de Rome, worin die Konfrontation der Vergangenheit mit der eigenen Zeit behandelt wird. Diese Wandlung lässt sich mit den neuen Ideen, dem geistesgeschichtlichen Gedankengut dieser Zeit erklären. Die Menschen verspüren das Bedürfnis, sich in diesen Kosmos einzuordnen, sich mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinanderzusetzen und so Ordnung zu schaffen. Die neugewonnene (geistige) Eigenverantwortlichkeit und Freiheit steht in ständiger Spannung zur Fortuna, das dem Menschen „festgeschriebene“ Schicksal. Unter diesen Voraussetzungen hat die Liebesdichtung nach Du Bellays Ansicht, keine Berechtigung mehr, denn wirklichkeitsfremde Idealvorstellungen entsprechen nicht dem Zeitempfinden. Die große Idee der neuplatonistischen Kosmosvorstellung wird trotz allen Veränderungen jedoch beibehalten und schließt damit Du Bellays Werk in einen übergeordneten Zusammenhang ein.

Melancholie des Dichters im 16. Jahrhundert

Eines der Hauptcharakteristika von Du Bellays Werken ist ein anhaltend wehmütiger Unterton, der in vielen seiner Gedichte mitschwingt und als ein besonderes Merkmal seiner Dichtkunst gilt. Um diese Wehmütigkeit in seinem Œuvre nicht falsch zu deuten, und um Du Bellay nicht einfach als permanent unglücklichen Gequälten wahrzunehmen, sollte eine wichtige Tatsache nicht außer Acht gelassen werden: Die Tendenz zur Melancholie als ein Teil des Neuplatonismus.

Melancholie ist für den Neuplatonismus eine Verkörperung der „Kreatürlichkeit und zugleich der Göttlichkeit des Menschen“, Melancholie macht es möglich, sich zu größerer Vollkommenheit zu entwickeln, wenn der Geist das Festhalten an der Materie überwinden kann. Gleichzeitig aber kann Melancholie auch moralisch negative Auswirkung auf einen Menschen haben, wenn nämlich der Mensch die Göttlichkeit des Geistes nicht entfalten kann. Melancholie im 16. Jahrhundert ist durch widersprüchliche Emotionen gekennzeichnet. So auch für Du Bellay. Einerseits leidet er unter Einsamkeit, einer nicht-erwiderten unsterblichen Liebe, Angst vor dem Tod und häufig auftretenden Krankheiten. Auf der anderen Seite scheint der Tod die ersehnenswerte Erlösung von den Qualen des Lebens zu sein. Typische Motive, die in Du Bellays Gedichten melancholische Stimmung ausdrücken können, sind das mit dem Leben einhergehende Greisenalter, die daraus resultierenden Gebrechen und Krankheiten, aber auch der unaufhaltsame Winter und der kalte Nordwind. Gedichte wie La complainte du désesperé (frz. „Die Klage des Verzweifelten“) sind ein Musterbeispiel für die beschriebene Einstellung und für die Einsamkeit, die den Dichter durchdringt, es enthält Klagen über sein Alleinsein und bringt den Wunsch nach dem erlösenden Tod zum Ausdruck. In den Regrets kommt die Melancholikerhaltung ebenfalls deutlich zum Ausdruck: Das ständige Bedürfnis nach Ortsveränderung, die Enttäuschung des Dichters auf seiner Reise, und die daraus resultierende dauerhafte Unzufriedenheit mit der Umwelt sind charakteristisch für diese Gedichtsammlung. Hinzu kommt das Gefühl des Unterschätztwerdens der eigenen Person und Fähigkeiten, das oft einhergeht mit der Klage des Mangels an materiellen Gütern. Seine unterbewertete gesellschaftliche Stellung beschreibt Du Bellay folgendermaßen:

La gloire incite l’empereur,

La richesse le laboureur
Le butin l’homme d’armes:
Mais tout le gaing que je recoy
De mon inviolable foy,
Ce sont soupirs et larmes.

Wenn Wehmütigkeit einmal aufgetreten ist, neigt sie dazu, das Charakterbild des Melancholikers zu verändern und seelische Vereinsamung hervorzurufen. In Anlehnung an die zeitgenössische Humoraltheorie hat seelische Isolation eine negative Auswirkung auf die Hör- und Sprechfähigkeit des Menschen. Somit ist es kaum verwunderlich, dass sowohl Du Bellay als auch Ronsard an zunehmenden Taubheit gelitten haben sollen. Diese zunehmende Taubheit kann wohl als melancholische Selbstdarstellung interpretiert werden und ist möglicherweise mehr Zeichen der Selbstwahrnehmung beider Dichter als deren tatsächliche physischen Verfassung.

Werkauswahl

La Deffence et illustration de la langue francoyse

Im ersten Teil der Deffence et illustration de la langue francoyse proklamiert Du Bellay das Französische zur Literatursprache von der gleichen Dignität wie das Griechische, Lateinische oder Italienische. Der zweite Teil ist eine Poetik, die eine Orientierung der französischen Literatur an der inzwischen als vorbildhaft geltenden italienischen vorschlägt.

Das erste Kapitel dieses 1549 erschienen Manifestes beschäftigt sich mit der Herkunft der Sprachen, wobei hier viele Passagen aus den Dialogues des langues von Sperone Speroni entnommen werden. Trotz dessen ergibt sich aus der Wiederholung der Argumentationstruktur der italienischen Rivalen kein Widerspruch. Im Gegenteil, es zeigt die Kraft der Neuaufnahme und die Bewältigung, dass die Franzosen im Stande sind zu handeln. Indem sie den gleichen Weg wie die Italiener, die Erben der Antike, fortführen, wollen sie die Überlegenheit ihrer modernen Sprache zeigen. Der Wettkampf bezieht sich auf die Zukunft so gesehen ist die Deffence ein auch zum größten Teil visionäres Manifest.

Was Sprachkultur betrifft, so geht Du Bellay davon aus, dass die Sprachen verbesserungswürdig sind und ihr Wert von der Willensstärke und der Qualität der Menschen abhängt, die sie ausgestaltet haben. Es gibt demzufolge keinen Grund, den alten Sprachen hinterherzutrauern, sondern der Dichter muss es besser machen. Wörter sind nichts als austauschbare Instrumente, die es zu benutzen und zu vervollkommnen gilt.

Bezüglich Übersetzungen und Energietransfer meint Du Bellay, dass jede Sprache ihre individuellen Eigenheiten besitzt und dass es daher gefährlich ist, eine Sprache durch (eine) Übersetzung zu unterjochen. Um bspw. ein Gedicht möglichst genau in eine andere Sprache übertragen zu können, müsste man Wort für Wort wiederholen, ohne es zu übersetzen. Deshalb kann die Übersetzung immer nur eine Kunst der Annäherung sein, bei der es wichtig ist, analoge Ergebnisse herbeizuführen, auch wenn sie sich nicht zwingend an der gleichen Stelle befinden. Während dieser Anpassungsübung erfährt die zu übersetzende Sprache eine leichte Änderung, die es zu entschuldigen gilt, so Du Bellay. Die Energie, von der Du Bellay spricht, ist eine besondere Qualität in den literarischen Konzepten des 16. Jahrhunderts. Technisch bezeichnet es die Illustration, durch welche die Dinge gegenwärtig gemacht werden.

Nachdem Du Bellay festgestellt hat, dass die Übersetzung zur Anreicherung der französischen Sprache unzureichend ist, erwähnt er in seiner Deffence die Imitation. Sie wird als eine Transformation, eine Art „Verdauung“ (vgl. innutrition) und schließlich eine persönliche Kreation angesehen. Der Dichter muss sich von antiken Texten ernähren und seine Sprache von griechischen Texten beeinflussen lassen, sowie es schon die Römer getan haben.

Das sechste Kapitel der Deffence bekräftigt, dass es unnötig und vergebens ist, den antiken Meistern und ihrer Sprache gleichkommen zu wollen. Auch die Neo-Latinisten werden als reblanchisseurs de murailles abgelehnt, denn sie haben nicht verstanden, dass die Zukunft der Menschheit sich immer auf dem gegenwärtigen Zustand der Zivilisationen abspielen wird und dabei die einheimische Sprache wichtig sei. Das Latein kann demzufolge nur noch Model, nur Perfektionswerkzeug sein, aber nicht mehr als Selbstzweck konstituiert werden.

Das zweite Buch der Deffence behandelt die Poetik und ihre Möglichkeiten, die französische Sprache zu bereichern, wobei sie sich hohe Ziele steckt.

Die Deffence nimmt die Idee der l’Art poétique (lat. ''De arte poetica) von Horaz wieder auf, der eher auf Arbeit als auf Inspiration insistiert. Trotzdem ist es wichtig, dass die Doppelfunktion der Poesie (plaire et instruire, lat. placere et docere) erhalten bleibt. Die natürliche Gabe und die Vervollkommnung der Technik sind beide grundlegend.

Des Weiteren geht Du Bellay nun weitaus formellere Fragen an. Der „Poet der Zukunft“ solle alle „alten“ französischen Formen der Dichtkunst beiseite lassen (wie Rondo, Ballade, Chanson etc.) und sich Tag und Nacht von den alten griechischen und lateinischen Genres „ernähren“, um in ihnen die reinen Gattungen (Elegie, Sonett, Satire etc.) zu finden. Später führt er das Beispiel der Neologismen an, welche die französische Sprache bereichern. Es sollten technische Terme gesucht werden, wie bspw. alte vergessene Wörter und sie dann nach antiker Lexik französieren und Wörter durch Ableitung neuschaffen.

L’Olive

Allgemein

Im Jahre 1550 legt Du Bellay (als erster der Pléiade-Dichter) eine umfassende Gedichtsammlung vor, die sich inhaltlich und stilistisch stark am Vorbild Petrarkas orientierte. In insgesamt 50 Sonetten besingt und verehrt er eine Frau namens Olive, die ihm durch die Anmut ihrer äußerlichen Erscheinung, aber auch der Schönheit ihrer Seele zur Inspiration wird. Gleichzeitig versetzt sie ihn in eine unendliche Traurigkeit, indem sie ihn zurückweist und seine Liebe nicht erwidert.

Inhalt

Die Grundkonstellation zwischen dem lyrischen Ich und Olive basiert auf dem mittelalterlichen Vorbild der hohen Minne: Auf ingeniöse Weise wird die irdische und innerliche Schönheit der Geliebten (hier: Olive) vom Liebenden (hier: lyrisches Ich) besungen. Die Sonettsammlung „L’Olive“ ist geprägt von einem antithetischen Lebensgefühl: Der Dichter von einer tiefen Euphorie erfüllt, mit wder er stets zum Ziel seines Daseins, also zu seiner Geliebten, strebt. Gleichzeitig schwelgt er jedoch in tiefer Melancholie und unerträglichem Schmerz, der aus der unerfüllten Liebe hervorgeht. Ganz im Sinne der neuplatonischen-petrarkistischen Liebespsychologie ist eine deutliche Abstufung der einzelnen Gefühle nachvollziehbar: Zunächst wird die Anmut ihrer äußerlichen Erscheinung mit Vergleichen wie „ein Hals aus Porphyr und Marmor“ oder ein Mund „der mit einem Hauch von arabischen Düften atmet“ beschrieben. Die Angebetete aber bleibt unnahbar, indem sie die Bemühungen des Dichters mit kontinuierlicher Strenge ignoriert und übersieht. Infolgedessen wendet sich der Dichter von ihrer irdischen Anmut ab und erkennt, dass Olives Schönheit, genau wie die Anmut einer Blume, vergehen wird. Stattdessen wird in diesem Stadium der inneren Schönheit Bedeutung beigemessen, weil sie das eigentlich wertvolle Gut ist,das auch nach dem Verfall der jugendlichen Schönheit andauert. Auch hier werden die Grundzüge des Neuplatonismus deutlich, nämlich indem sichtbare Schönheit lediglich als ein sehr unvollkommenes Abbild der Güte Gottes gesehen wird. Die stufenweise Lossagung der Seele vom Irdischen ist dabei notwendig, um sich dem Guten annähern zu können. Damit gibt es in Olive zwei Themen: zum Einen die Schönheit der angebeteten Frau Olive, zum Anderen des Dichters Liebe zu ihr. Erwähnernswert ist die onomastische Parallele, die zwischen Du Bellays Olive und Petrarkas Anbetungssubjekt Laura (de Noves) besteht. Laura, eine verheiratete Frau, die aus Sicht Petrarkas alle Tugenden und Schöneheit der Welt in sich vereinte, wurde ihm zu einer langanhaltenden Inspiration in seinem 1348 verfassten Werk Canzoniere. Sein fortwährendes Streben nach dem Lorbeer (frz. laurier) ist vermutlich ebenfalls eine Übernahme.

Die Authentizität der Frau namens Olive ist umstritten: Einerseits wird Du Bellay nachgesagt, der Name „Olive“ sei das Anagramm einer gewissen Mademoiselle „Voile“. Mademoiselle Voile sei die Verwandte, wenn nicht sogar Nichte von Guillaume Voile, einem 1563 in Paris amtierenden Bischofs. Da jedoch der Herkunftsort von Mademoiselle Voile nicht zweifelsfrei bestimmt werden kann, ist diese Theorie umstritten. Gegenstimmen behaupten, Olive habe nie wirklich existiert. Ein Indiz darauf wäre in folgender Sonett-Passage zu finden:

„Et mon Olive (soit ce nom ;D’Olive veritable, ou non);
Se peult vanter d’avoir premiere
Salué la doulce lumiere“

Und meine Olive (sei ihr Name wahrhaftig oder nicht ) kann sich rühmen, die Erste gewesen zu sein, die das liebliche Licht begrüßte.

Abgesehen davon widmete Du Bellay seine Erstausgabe zwar Olive, zog jedoch in der zweiten Ausgabe seine Widmung zurück und eignete sie stattdessen Margarete von Frankreich zu. Zweifler an Olives Authentizität werten den Rückzug einer solchen Widmung als Beweis dafür, dass sie in Wirklichkeit nie existiert hat.

Les Sonnets Romains

Les Regrets

„Les Regrets“ ist eine Gedichtssammlung, die während du Bellays Romreise zwischen 1553 und 1557 entstand und nach seiner Rückkehr 1558 in Paris veröffentlicht wurde. Sie besteht aus einer Reihe von 191 alexandrinischen Sonetten. Sie bringen durch ihre petrarkistische Ausarbeitungsform eine bis dahin unbekannte Neuheit mit sich. Der Schwerpunkt liegt jedoch nicht, wie bei Petrarka üblich, auf der Liebe zu einer Frau, sondern wird ersetzt durch sein Heimatland. Der Dichter beklagt sein ihm „verhasstes/unangenehmes“ Exil Rom und lobt seine Heimat Liré, in die er sich zurückwünscht. Die Sonette folgen einem deutlich wahrnehmbaren Schema: Die „Regrets“ bzw. der erste Teil der Sonette ist elegisch geprägt. Sie erzählen von der Verzweiflung des Dichters, der sich fern seines Geburtslandes befindet (Sonett 19):

„Je me promène seul sur la rive latine,/ La France regrettant, et regrettant encor,/ Mes antiques amis, mon plus riche trésor,/ Et le plaisant séjour de ma terre angevine“

Er bedauert die Abwesenheit Frankreichs und idealisiert gleichzeitig dessen Kultur und Staatsaufbau. Es wird somit zum angebeteten aber durch sein Exil unerreichbaren Ziel, wie die Geliebte bei Petrarka und wird auch mit petrarkistischen Topoi beschrieben. Den größeren Teil der Gedichtssammlung machen die satirischen Gedichte aus. Hier spielt die Romsatire und die Herausstellung des Gegensatzes zwischen Rom und Frankreich die Hauptrolle. Rom steht für die unwirtliche Fremde, das Alte was vergehen muss während Frankreich zum leuchtenden Gegenbild für das Neue und Blühende wird. Der Dichter kritisiert die moralische Korruptheit der Stadt und das Papsttum. Der letzte Teil beschäftigt sich mit der Sicht auf die Dinge nach seiner Rückkehr nach Frankreich. Hier werden die im ersten Teil genannten Idealvorstellungen mit nüchternem Blick betrachtet und an den tatsächlichen, eher schlechten, aber aktuellen Zuständen in Frankreich gemessen und analysiert. Aus der Romsatire werden Lehren gezogen und die anschließende gemäßigte Frankreichkritik soll eher eine Warnung an die eigene Nation sein, um das Land auf seine Situation und sein Potential hinzuweisen.

Les Antiquitez de Rome

Sie sind sein letztes großes Werk ist um 1558 entstanden ist. Die Antiquitéz erhielten kurz nach den Regrets das „Privilège du Roy“. Das Werk ist eine Sammlung von 32 Sonetten gemischter Versform. Im Gegensatz zu den Regrets beschäftigen sie sich mit dem alten Rom und seiner vergangen Größe. Es folgt eine Reihe von 15 Sonetten der Songe (frz. „Traum“), der in geraffter Form die Gesetzmäßigkeiten der Welt am Schicksal Roms darzustellen versucht.

Am Beginn des Gedichtszyklus wird zunächst die Mächtigkeit Roms hervorgehoben, die Großartigkeit seiner Geschichte. Hauptthema ist somit die ''Gloire (frz. „Ruhm“) der alten Römer. Hierbei wird von Du Bellay ein Sonett Castigliones zitiert, das die Verbindung zwischen Größe und Verfall, zwischen Antike und Gegenwart herstellt. Dadurch wird deutlich, dass Du Bellay die Vergänglichkeit Roms auf das aktuelle Weltgeschehen und den Menschen selbst bezieht. In den darauf folgenden Sonetten wird klar, dass Rom die Präfiguration, die Vorausnahme Frankreich ist, was dem Leser den Schlüssel zur Verständnis der Antiquitez gibt. Die Römer selbst tragen Schuld am Untergang ihrer Stadt, Grund ist ihr zu großer orgueil (frz. „Stolz“). Genau dies kann Frankreich, als Erbe Roms verhindern, indem es die Lehre aus dem Verhalten der Römer zieht. Hier schließt sich ein direkter Bezug zur politischen Lage Frankreichs an, indem der Dichter das Thema der römischen Bürgerkriege aufnimmt. Denn Rom war solange mächtig, wie es im Inneren stabil war. Es ist die Angst vor unkontrollierbaren Erhebungen und Revolution, die den Anlass für die Antiquitez gab. Zum Schluss kritisiert Du Bellay noch einmal das moderne, päpstlich regierte Rom und endet mit einem erneuten, verschlüsselten Appell, Frankreich nicht durch Stolz und Eigenverschulden untergehen zu lassen. Der anschließende Songe wiederholt das Thema in geraffter Form und endet mit dem Erwachen des Dichters, der für die anstehenden Probleme, mit den Warnungen des Scheiterns von Rom, eine vernünftig Lösung suchen soll.

Primärwerke Du Bellays

  • La Deffence, et illustration de la langue francoyse, Paris, 1549.
  • Phosphoneumatique au roy tres chrestien Henry II: le jour de son entrée à Paris 16 de juin 1549. Paris, 1549.
  • L'Olive et autres oeuvres poétiques de Joachim du Bellay, Paris, 1550.
  • Docte et singulier discours sur les quatre estats du Royaume de France, déploration et calamité du temps présent, Lyon, 1557.
  • Discours au Roy sur la trefve de l'an 1555, Paris, 1558.
  • Épithalame sur le mariage de tresillustre prince Philibert Emanuel, duc de Savoie, et tresillustre princesse Marguerite de France, soeur unique du Roy et duchesse de Berry, Paris, 1558.
  • Hymne au Roy sur la prinse de Callais avec quelques autres oeuvres du mesme autheur sur le mesme subject , Paris 1558.
  • Poematum libri quatuor, quibus continentur elegiae, amores, varia epigr., tumuli, Paris, 1558.
  • Le premier livre des antiquitez de Rome: contenant une générale description de sa grandeur et comme une déploration de sa ruine; Plus Un songe ou vision sur le mesme subject, Paris 1558.
  • Discours sur le sacre du très chrestien roy Françoys II, avec la forme de bien régner accommodée aux moeurs de ce royaume, faict premièrement en vers latins par Michel de L'Hospital,... et mis en vers françoys par Joach. Du Bellay, Paris 1560.
  • Divers jeux rustiques, Paris, 1561.
  • Ode sur la naissance du petit duc de Beaumont, fils de Monseign. de Vandosme roy de Navarre, Paris, 1561.
  • La Monomachie de David et de Goliath, ensemble plusieurs autres oeuvres poétiques.
  • Les Regrets et autres oeuvres poétiques.

Literatur

  • Chamard, Henri: Joachim Du Bellay. Slatkine Reprints, Genève, 1969.
  • Champion, Honoré: Du Bellay et ses sonnets romains, collection unichamp (Herausgeber), Honoré Champion Editeur, Paris 1994.
  • Krüger, Die französische Renaissance. Klett, Stuttgart, 2002.
  • Ley, Klaus: Neuplatonische Poetik und Nationale Wirklichkeit. Die Überwindung des Petrarkismus im Werke Du Bellays, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1975.
  • Narr, Gunter: Œuvres & Critiques. Du Bellay devant la critique de nos jours, Concours du Centre National de Livre, Tübingen 1995.
  • Rieu, Josiane: L’Estétique de Du Bellay. Sedes Verlag, 1995.
  • Vinken, Barbara: Du Bellay und Petrarka. Das Rom der Renaissance. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2001.

Weblinks

Wikisource Wikisource: Joachim du Bellay – Quellen und Volltexte (Französisch)
Joachim du Bellay
Eingang des einstigen Wohnsitzes von Joachim du Bellay im Château de la Turmelière in Liré (Anjou) im französischen Département Maine-et-Loire

[1] Suche
[2] Von A bis Z
[3] Zufälliger Artikel
[4] Desktop View
| Versionsgeschichte
powered by Sevenval